St. Michaelis Lüneburg -
die Bachkirche im Norden

Orgel CD St. Michaelis Lüneburg

PETER MOHRHARD: Allein auf Gottes Wort - Klangprobe
†1685

JOHANN SEBASTIAN BACH: Passacaglia und Fuge c-Moll BWV 582
1685 - 1750

GEORG BÖHM: Choralvariationen über "Auf meinen lieben Gott" Verse 1 - 4
1661 - 1733

FELIX MENDELSSOHN-BARTHOLDY: Ostinato c-Moll (1823)
1809 - 1847

JOHANNES BRAHMS: Schmücke dich, o liebe Seele / O Gott, du frommer Gott
1833 - 1897

FRANZ LISZT: Praeludium und Fuge über B-A-C-H (1855) - Klangprobe
1811 - 1886

MAX REGER: aus op. 59 für Orgel Benedictus
1873 - 1916

Die vorliegende Aufnahme bietet ein stilistisch weit gefächertes Repertoire. Sie stellt die Vielseitigkeit der Orgel dar, die sich aus der bewegten Baugeschichte ergibt. Bei der Programmauswahl stand Johann Sebastian Bach als der berühmte Mettenschüler an St. Michaelis im Mittelpunkt. Mit zwei Lüneburger Kompositionen und Bachs Passacaglia werden barocke norddeutsche und französische Klangmöglichkeiten dargestellt. Mit Kompositionen aus dem 19. Jahrhundert, die in direkter Beziehung zu Bach stehen, kommen die romantischen Register und Spielhilfen der Orgel zum Klingen.

PETER MOHRHARDT war von 1662 bis zu seinem Tod im Jahr 1685 Organist an St. Michaelis in Lüneburg. Er ist der einzige Organist an der Bachkirche, von dem Kompositionen in den berühmten "Lüneburger Orgeltabulaturen" erhalten sind. Es handelt sich um neun Choralfantasien (um 1660 aufgeschrieben) im norddeutschen Stil: Freie Imitation wechselt mit Teilen, in denen die Melodie reich verziert im Sopran durchgeführt wird. Typisch ist auch das Spiel mit dem Raumklang durch Echowirkungen.

Mit der Partita Auf meinen lieben Gott beschreitet GEORG BÖHM neue Wege, indem er für jede Variation einen ganz eigenen Stil wählt: Während die erste Variation die rezitativische Schreibart von Heinrich Scheidemann (1596 - 1663) aufgreift, entwickelt sich die zweite aus einer kunstvollen Fuge heraus zu einem kleinen Konzertsatz. Die dritte Variation vermittelt zwischen deutscher Bassfiguration und französischem basse de cromorne, bevor die Partita mit einem Trio ganz im französischen Stil schließt. Hierbei zeigt sich, dass Böhm als der bedeutendste Lüneburger Komponist der norddeutsche Orgelmeister war, der am deutlichsten französische Elemente in seiner Musik aufgriff.

Französischer Herkunft (von André Raison) ist auch das Thema von JOHANN SEBASTIAN BACHs groß angelegter Passacaglia. Diese französische Orientierung Bachs, deren Grundlage in seinen Lüneburger Jahren gelegt wurde, inspirierte bei der vorliegenden Aufnahme seines wichtigsten Frühwerkes für Orgel zu einer französischen Registrierung, nämlich dem Grand Jeu (Zungenplenum) in der Passacaglia und dem Plein Jeu (Mixturenplenum) in der Fuge.

So wie Bachs Größe in der Kombination von strenger Bindung an die Tradition und kühnem Durchbrechen ihrer Schranken besteht, so beinhaltet die Bachrezeption in der deutschen Orgelromantik, für die Bach als Übervater fungiert, auch beide Aspekte: Die Tradition und den Aufbruch.

Der vierzehnjährige FELIX MENDELSSOHN-BARTHOLDY zeigt sich in seinem "Ostinato" als ein gelehriger Schüler Bachs. Die Form entspricht der einer Passacaglia: Ein größtenteils im Bass immer wiederkehrendes Motiv bietet die Grundlage für mannigfache Figuration durch Tonleitern, gebrochene oder blockhafte Akkorde in den Oberstimmen. Mendelssohn setzt die barocke Tonsprache romantisch um, so dass die kontrapunktischen Motive nicht für sich allein, sondern erst als Teil einer gewaltigen Klangentwicklung ihren Sinn bekommen.

Dagegen gestaltet FRANZ LISZT seine Hommage à Bach nicht durch Verwendung barocker Kompositionstechniken, sondern im Gegenteil durch Auflösung der Form in eine große und impulsive Phantasie. Dabei entspricht die Gesamtfaktur mit den beiden getrennten Fugenteilen eher der freien Vielgliedrigkeit der norddeutschen Meister, als der durch Bach entwickelten Zweiteiligkeit von Praeludium und Fuge, wie es der Titel des Werkes nahelegen würde.

In den posthum veröffentlichten Elf Choralvorspielen erreicht JOHANNES BRAHMS eine vollkommene Beherrschung der an Bach geschulten Kompositionstechnik. Dabei gelangt Brahms in diesen letzten und intimsten Werken zu einer Abgeklärtheit in religiösen Fragen, mit denen zeitlebens gerungen hat.

MAX REGER verschmolz die beiden divergierenden Richtungen der Romantik, wie sie von Mendelssohn und Brahms auf der einen und Liszt und Wagner auf der anderen Seite verkörpert wurden. Seine Kompositionen verbinden barocke und klassische Technik mit einer stürmischen Triebkraft, die die Grenzen von Form und Harmonik bis zum Zerreißen dehnt. Dafür ist das Benedictus ein kleines, aber gültiges Beispiel: Die sanften Melodiebögen des Anfangs werden in chromatischen Rückungen aufgelöst und das Fugato des Mittelteils führt in ein rasches Aufbrausen bis zum Vollen Werk der Orgel, um wieder zu der Ruhe des Anfangs zurück zu leiten.


EG 232 Allein zu dir, Herr Jesu Christ
1. Allein zu dir, Herr Jesu Christ,
mein Hoffnung steht auf Erden.
Ich weiß, daß du mein Tröster bist,
kein Trost mag mir sonst werden.
Von Anbeginn ist nichts erkorn,
auf Erden ward kein Mensch geborn,
der mir aus Nöten helfen kann;
ich ruf dich an,
zu dem ich mein Vertrauen han.

EG 345 Auf meinen lieben Gott
(ö) 1. Auf meinen lieben Gott
trau ich in Angst und Not;
der kann mich allzeit retten
aus Trübsal, Angst und Nöten,
mein Unglück kann er wenden,
steht alls in seinen Händen.

EG 218 Schmücke dich, o liebe Seele
1. Schmücke dich, o liebe Seele,
laß die dunkle Sündenhöhle,
komm ans helle Licht gegangen,
fange herrlich an zu prangen!
Denn der Herr voll Heil und Gnaden
will dich jetzt zu Gaste laden;
der den Himmel kann verwalten,
will jetzt Herberg in dir halten.

EG 495 O Gott, du frommer Gott
1. O Gott, du frommer Gott,
du Brunnquell guter Gaben,
ohn den nichts ist, was ist,
von dem wir alles haben:
gesunden Leib gib mir
und daß in solchem Leib
ein unverletzte Seel
und rein Gewissen bleib.

    © St. Michaelis Lüneburg 2003